Rock the Casbah

Verfasst von am 14. Januar 2020
 

…oder wie aus der Begeisterung für ein Werbevideo ein sportlicher Neustart wurde

von Martin Wyss

Wie geht das? Ein Wettkampf, den es so noch nie gegeben hat, und trotzdem schon ein Werbevideo mit stimmungsvollen Bildern? Ein Filmchen mit neuem Stil und Style, die sattsam bekannten Bilder vom Renngeschehen und dem Drumherum und trotzdem anders, in Bild, Ton und Rhythmus? Ich zweifelte und zögerte, ob ich es wieder einmal mit einem Triathlon versuchen sollte – die Sportpause war länger ausgefallen als gedacht und das letzte grosse Rennen, die 70.3.-WM in Zell am See, lag schon vier Jahre zurück. Doch das Video – und eine bierselige Nostalgieschwärmerei mit Doppel-D – liess der Vernunft leise Lebewohl sagen und den Anmeldebutton klicken: Am 27. Oktober 2019 will ich am Start der ersten Austragung desIronman 70.3 in Marrakech stehen – und die Ziellinie überqueren!

Man mag von der World Triathlon Corporation (WTC) und der chinesischen Wanda Group, ihrer Eigentümerin, und dem Geschäftsgebaren um und mit der Marke «Ironman» mit den mittlerweile über 170 Wettkämpfen weltweit halten was man will – und ich verstehe, wenn das nicht nur das Beste sein sollte -, zugutehalten mag man ihnen, dass sie einem die (zugegebenermassen nicht ganz günstige) Möglichkeit giben, Triathlon in spektakulären Umgebungen auszuüben. Die Vorstellung, am allerersten Ironman70.3 in Marrakech, mit Blick auf das Atlas-Gebirge, am Rande der historischen Altstadt, teilzunehmen, liess mich nicht mehr los. Vor einigen Jahren hatte ich Ferientage in Marokko verbracht und damals schon ein Plakat gesehen für einen Triathlon in Essaouira und bin auf den durchaus gut unterhaltenen Strassen etliche Rennradfahrer begegnet. Der späte Austragungszeitpunkt Ende Oktober sollte mir genügend Zeit lassen, um in eine passable Form zu kommen. Olga-Schwimmen, Halbmarathon in Biel, Berglauf-Cup, Openwater-Erlebnisse und die Alpen-Challenge sollten ein abwechslungsreiches Vorbereitungsprogramm sein, das mich wieder in
Schuss bringen sollte. Und es fing ganz erfreulich an mit einer AK Podestplatzierung in Spiez – vom lokalen Sprint zur internationalen Halbdistanz ist aber, wortwörtlich, noch ein weiter Weg und die halben und ganzen M-Dots, die ich bestritten hatte, zählen heute nichts mehr.

Ein verlockendes Angebot

Die Affiche klang sportlich und landschaftlich verlockend: One-loop Schwimmen im Lalla Takerkoust, einem Süsswasser-Stausee südlich von Marrakech, 90 ordentlich coupierte Rad-Kilometer durch karge Landschaften und belebte Dörfer und schliesslich zwei flache Lauf-Runden, die teilweise der alten Stadtmauer entlang führen sollten. Zentrum des Geschehens sollte der «Moulay El Hassan Racing Circuit» sein, das vor zehn Jahren erbaute Gelände für Motorsportanlässe. Das im Süden der
Stadt gelegene Viertel bot zwar etliche neue, mit künstlichem arabischen Flair dekorierte Hotel-Komplexe und Shopping-Malls, hatte aber nicht viel mit dem Übermass an Reizen für Auge, Ohr und Nase zu tun, für den die historische Altstadt bekannt war. Für einen Urlaubsaufenthalt hätte ich mir
wohl ein hübsches Riad ausgesucht, aber fürs Rennen war das offizielle Ressort die bessere Wahl – Nähe zum Wettkampfgelände, athletengerechte Betreuung und Infrastruktur in einem Ambiente, das mit allerlei dekorativen Versatzstücken und künstlich angelegten Grünanlagen aufwarten konnte. Eine direkte Flugverbindung ab Genf vereinfachte die Anreise. Begleitet wurde ich von Maxim, meinem Ältesten, der auf der Lauf-Mittelstrecke auf dem Weg zu europäischem Niveau ist, und der wusste, was Wettkampfnervosität war. Und von dem ich mir die akustische Peitsche versprach, die ich auf der Laufstrecke sicher brauchen würde.

Die Hinreise am Freitag früh verlief reibungslos und noch in der Hoteleinfahrt das erste Highlight, das kein Geld der Welt kaufen kann: Tim «The man with the halo» Don steigt gerade auf seine Zeitfahrmaschine! Die Bonuszugabe sicherte sich Maxim am nächsten Morgen, als er sich bei seinem eigenen Tempotraining auf dem Laufband ein Selfie mit ihm gönnen durfte (der Vater zog die Bettruhe vor und ärgert sich noch heute darüber). Die Zeit vergeht im Flug mit Race Briefing und sich vertraut machen mit den örtlichen Verhältnissen – die Welt des Triathlons mit Carbon-Neo-Hightechfasern und mehr oder minder nützlichen Gadgets bot nicht nur optisch einen Kontrast zum nordafrikanischen Alltag, der einem nachdenklich stimmen konnte. Athletinnen und Athleten aus Marokko und den umliegenden Ländern waren allerdings keine Seltenheit und ich war verleitet, den Wettkampfeinteiler der lokalen Clubs mit dem auffälligen Stern auf rotem Grund zu kaufen. Am Samstag sollten die Räder in die erste Wechselzone gebracht werden. Dafür standen etliche grosskalibrige Lastwagen bereit und viele (sorgsam und umsichtig) helfende Hände packten unsere Maschinen auf die Ladefläche. Mit grossen Kartonplanen wurden die Räder aneinandergereiht und mit Gurten festgezurrt. Wir wurden in Bussen zur T1 gebracht – alles perfekt organisiert, schliesslich
musste man sich schon vorher für den Transfer anmelden und entsprechende Zeitfenster reservieren. Nach 40-minütiger Fahrt stand man vor dem See, wenige Häuser, ein lebendiges Dorf in der Nähe. Und eine Wechselzone, die alles bot, was man brauchte. Vorfreude herrschte. Aber auch die bisher verdrängte Erkenntnis, dass es in der Schweiz schon sehr herbstlich sein mag, hier aber noch mit Temperaturen über 30 Grad zu rechnen sein wird. Und Schatten gab es höchstens als Fata Morgana.

Race Day!

Der Wecker lärmt um 4 Uhr, die Déja-Vus beginnen am Frühstücksbuffet: Athletinnen und Athleten und vereinzelte Angehörige in fast bedächtiger Stille, mit allerlei Tech-Food am hantieren und fachsimpeln über Training, Material und vergangene Abenteuer (wenn mich gelegentlich bei unserem Sport etwas stört, dann das Fehlen von Humor und Heiterkeit, Leichtsinn und Herzlichkeit –Fokussiertheit und Ehrgeiz, das habe ich von meinem Ältesten gelernt, kann auch anders gehen). Kurz vor fünf ziehen kleinere und grössere Karawanen mit Velopumpen und Neo-Taschen los auf der Suche nach den Bussen. In T1 dann meine ersten zwei grossen Einsichten: Erstens ist es morgens um halb6 trotz prächtigem Sternenhimmel noch arg dunkel. Zweitens mag es tagsüber heiss und heisser werden, aber jetzt ist mindestens so kalt wie zuhause. In Gedanken also fürs nächste Mal notieren: Taschenlampe oder Handy (habe ich bewusst im Hotel gelassen, weil ich für einmal nur mit meinen Augen fotografieren und die Eindrücke im Kopf/Herz ablegen wollte) mitnehmen. Und etwas Flauschigwarmes zum Überziehen.

Das Schwimmen wurde rollend – also in Blöcken mit den mutmasslichen Zielzeiten eingestanden und dann im 15-Sekunden-Takt jeweils fünf Athletinnen und Athleten auf die Strecke geschickt – gestartet, was ein für mich noch untypisch entspannter Beginn war. Die Sonne stand schon am Horizont als ich mich mit einem fetten Grinsen ins Wasser warf. Und eine gute halbe Stunde später mit noch frecherem Grinsen über den Teppich zu meinen Siebensachen fürs Velo lief. Die Handgriffe sassen und mit passabler Wechselzeit auf dem Konto begann der Aero-Temporausch. Und er dauerte – bis Kilometer 15, bis zum Zeitpunkt als ich irgendwie mal nach unten, zur Sattelstütze schaute. Die Sattelstütze begann sich abzusenken… ich hatte die Klemme nicht genügend stark angezogen, aus Sorge um das doch heikle Material. Und der in dieser ländlichen Gegend sehr ruppige Strassenbelag sorgte für gefährliche Vibrationen. Im Kopf kippte ein Schalter und die Gedanken drehten sich nicht mehr um den Wettkampf sondern um Fragen, die man im Rennen tunlichst vermeiden sollte (Kommt ein Mechaniker? Soll ich anhalten? Habe ich überhaupt das richtige Werkzeug? Wie viel Zeit kostet mich das?). Irgendwann fand ich den Schalter wieder und kippte ihn zurück: Trampe schtatt Dänke. Und die Rennatmosphäre in den Ortschaften geniessen. Nach 60 Kilometer bog man auf die Hauptzufahrststrasse ein, die einem schurgerade und mit spürbarer Neigung nach Marrakech führte. Der Temporausch – der Tacho zeigte selten weniger als 40 km/h – und die nahende T2 liessen einem vergessen, dass die Sonne schon hoch stand und der Körper sich aufzuheizen begann.

Ich liess mir in T2 genügend Zeit für ein sorgfältiges Wechseln, gönnte mir einen kurzen WC-Halt und lief los – um mich sogleich zu wundern, was für ein Gewicht denn da so unangenehm an meinem Rücken scheuerte? Ach ja, die Satteltasche! Sie drohte mir ob den Vibrationen verlorenzugehen, weshalb ich sie im Trikot eingesteckt hatte. Also 200 Meter wieder zurück und im Sack deponieren. Neuer Versuch und zuversichtlich um das Hauptgebäude gelaufen, als das Publikum laut zu werden begann – weil der Sieger, der Franzose Kevon Maurel, nach 3 Stunden und 53 Minuten zum Zielbogen abbog. Die Laufstrecke war für jeden Verkehr gesperrt und die Verpflegungsposten war bestens organisiert; lokales Publikum war zwar nicht sehr zahlreich, aber enthusiastisch gestimmt. Und das Thermometer, innen wie aussen, stieg und stieg – und die Strecke, ich hatte sie mir doch noch auf dem Plan so gut eingeprägt, wollte kein Ende nehmen… der Schweinehund drohte die Kontrolle zu übernehmen. Ich musste einen Plan B finden: Verpflegung konsequent durchziehen und ein vorsichtiges Tempo wählen. Und dann stand Maxim am Streckenrand mit der Peitsche – und es ging und ging und die zweite Runde ging (jedenfalls subjektiv) besser und besser und es lag noch so etwas wie ein Endspurt drin – der weder nötig noch nützlich gewesen wäre, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Im Ziel kam sie dann mit geballter Wucht, diese emotionale Lawine, wie ich sie schon oft erlebt hatte und doch nicht mehr wusste, wie sie sich anfühlt: Der Körper ausgelaugt und überhitzt, der Kopf leer, die wenigen Gedanken, die sich noch darin bewegen, drehen sich um Stolz, Zweifel, Rangierung, Zufriedenheit und ein kleines Warum.

Was bleibt

Ich weiss nicht, wie es Euch geht, aber unmittelbar nach einem strapaziösen Rennen sind bei mir Gefühle und Stimmungen sehr verwirrend und orientierungslos (lest dazu in der aktuellen Triathlon den Erfahrungsbericht von Simon Müller). Finisher-Shirt und auffällige Medaille kommen mir fremd vor – aber mit der Umarmung von Maxim dreht sich der Blick wieder in die richtige Richtung und ich sehe, was ich erleben durfte. Etwas, was die Zahlen 31’10/2h43’54/1h58’32, was der 10. AK-Rang, nicht auszudrücken vermögen: Freude und tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit in entlegenen Winkeln des Kopfs, in Zentrum des Herzens und in jeder, mir bisher nur von Ferne bekannten (Muskel-)Faser des Körpers. Und die Erkenntnis, dass man auch mit viel Ironman- und Triathlon-Erfahrung noch Anfängerfehler machen kann (und darf). Und die Vorfreude darauf, im 2020 mit Hannes, meinem mittleren Sohn, die Tortour Challenge unter die Rennräder nehmen zu dürfen.

Übrigens: jemand interessiert an Ironman70.3 in Nizza?

Zur Information: Die zweite Auflage des Ironman70.3 Marrakech findet am 25. Oktober 2020 statt. Neu wird die Laufstrecke über drei Runden geführt. Die Zahl der Slots für die 2021 Ironman70.3 World Championship in St. George, Utah (USA), sind noch nicht bekannt. Der Wettkampf kann auch als Staffel absolviert werden.


Kategorie:   Berichte Headwind

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