Ironman Frankfurt 2019

Verfasst von am 3. Juli 2019
 

Nach vier Stunden Autofahrt stand ich nach 2017 ein zweites Mal vor dem Hotel Intercontinental in Frankfurt. Damals war es meine erste Langdistanz, die ich erstaunlich gut in 10h48min hinter mich bringen konnte. Nun wollte ich zurückkommen und die hervorragende Stimmung am Main nochmals aufsaugen. Wegen mangelndem Radtraining waren meine Ambitionen nicht sehr hoch, was mir später zugutekommen sollte.

Da die „öffentlichen“ Startplätze letzten Herbst schon weg waren, buchte ich über Nirvana Travel, was sich als Fehler herausstellte. Nachdem ich die Bestätigung fürs Hotel erhalten habe, hiess es, dass ich meinen Aufenthalt nun trotzdem in einem andern Hotel verbringen werde. Später hiess es dann wieder was Anderes, später dann nochmals und zu guter Letzt verbrachte ich die erste Nacht im einen und die drei folgenden Nächte in einem anderen Hotel. Sicher nicht was man sich von einem Unternehmen wünscht, das mit 20 Jahren Erfahrung auf diesem Gebiet wirbt…

Donnerstags füllten sich Hotel und Stadt mit Triathleten. Neben den sportlichen Kleidern waren sie auch eindeutig an den zahlreichen Ironman-Tattoo’s zu erkennen. Ob es auch Leute gibt die sich Tattoo’s von anderen Firmen wie der SBB, Migros oder Interdiscount machen lassen? Hmm… Die Registrierung lief wie erwartet reibungslos ab, nur der zerrissene 5Euro-Schein, den mir ein Helfer beim Wechselgeld untergejubelt hat, hätte nicht sein müssen. Das war dann auch schon das ganze Programm am Donnerstag. Aufgrund der hohen Temperaturen verzog ich mich gerne ins klimatisierte Hotel zurück.

Der Main, Laufstrecke direkt am Ufer

Am Freitag stand eigentlich der Ruhetag auf dem Programm, aber wegen den Unstimmigkeiten mit den Hotelübernachtungen wurde es zu einem zusätzlichen Zügeltag. Bike und Material vor dem Mittag runter ins Auto und gegen 3 Uhr im zweiten Hotel wieder alles rauf. Anschliessend ein kurzer Spaziergang durch die bereits auf 32Grad aufgeheizte Stadt. Pausen direkt an der Sonne waren bereits unangenehm. Wie das werden würde wenn das Thermometer auf die prognostizierten 38 Grad steigen wird? Keine Ahnung, für mich Neuland. Über 32 Grad hab ich noch nie einen Wettkampf bestritten. Nach einem Teller Bolognese und zwei Radler ging es ins Bett.

3athlon Bern ist startklar!

Am Samstag fanden die Vorbereitungen in den Wechselzonen statt. T2 lag direkt am Main, das erledigte ich bereits am Mittag. Da ich zwei Jahre zuvor während dem Rennen ziemlich lange meinen Beutel gesucht hatte, prägte ich mir den Weg durch die Zone diesmal besser ein. Ich beeilte mich, die Sonne drückte heftig. Gegen 15:30 Uhr ging es dann mit dem Bike zum Shuttleservice, zum Langener Waldsee, wo T1 und die Schwimmstrecke liegt. Bei brutalen 35 Grad mussten wir uns zuerst eine Stunde lang durch die Warteschlange quälen, um zum Bus zu gelangen. Der Verkehr in der Metropole wurde dickflüssig wie Teer an der Sonne. Die Busfahrt dauerte nochmals 50, statt der gewohnten 25 Minuten, ehe das Ziel erreicht wurde. Der Check-In verlief wieder äusserst professionell. Helfer dirigierten einen direkt an den richtigen Abstellplatz fürs Bike. Nach dem Deponieren des blauen Bags, blieben uns noch 15 Minuten für einen kurzen Schwumm im See, ehe es schleunigst zurück auf den letzten Bus ging. Und der See war mit 25.5 Grad doch ziemlich warm…

Und plötzlich: Raceday! Nach 1.5 Stunden Schlaf klingelte der Wecker. Da ich schon einige Wettkämpfe bestritten habe, wusste ich, dass ich auch komplett ohne Schlaf vor dem Wettkampf auskommen werde. Ich war gut gelaunt und ziemlich fit, die Nervosität hielt sich in Grenzen. Das Frühstücken ging fix und dann ging es auch schon zum Start an den See. Die Stimmung: Wie immer elektrisierend, die Leute freudig erregt, der Speaker grossartig. Neoprene war bei den hohen Temperaturen wie erwartet nicht erlaubt, was mich aber mittlerweile nicht mehr störte. Da gab es nur etwas das mir zu denken gab. Es war 6:30 Uhr morgens und das Thermometer kletterte bereits gegen die 30 Grad…

Langener Waldse

Ich reihte mich zuhinterst in die Gruppe ein, die eine Schwimmzeit von 1h-1h:10 erwarteten. Da ich letztes Jahr am Ironman Italy im Neo das Schwimmen unter 1h02 schaffte, sah ich das als halbwegs realistisch. Ich brachte dann die Schwimmstrecke in 1h12min hinter mich – und überholte vom Anfang bis zum Schluss reihenweise andere Athleten. Haben sich die aufgrund ihrer Schwimmzeiten mit Neo eingereiht? Realistisch auf jeden Fall nicht mal ansatzweise.

Bikeporn

Nach dem Schwimmen war das Schönste auch schon vorbei… Die ersten Kilometer auf dem Rad ging ich sehr ruhig an und dachte mir bei jedem der gefühlten 10’000 Athleten, die mich überholten, dass wir uns später wiedersehen. Nämlich wenn ich auf der Marathonstrecke wieder an ihnen vorbei fliegen würde… Um vorzugreifen: Dazu kam es nicht. Nach circa zwei Stunden auf dem Rad war es schon arg warm. Noch vor dem Ende der ersten Runde sah ich die ersten Athleten, die neben der Strecke auf dem Gehsteig sassen. Ich selber bemerkte meinen unersättlichen Durst, den ich bis zum Schluss des Rennens trotz ununterbrochenem Trinken nicht mehr los wurde. Bald musste ich bei den Verpflegungsposten auch jeweils anhalten und mich komplett mir Wasser übergiessen, um das Hitzegefühl halbwegs zu bändigen. Meine Uhr zeigte bereits Temperaturen über 36 Grad an. Richtig grotesk wurde es auf der zweiten Bike-Runde. Immer wieder standen Triathleten neben der Strecke, suchten Schutz im Schatten, übergaben sich. In den leichten Anstiegen schlich der Tross von Radfahrer dahin, aufgestützt auf den Unterarmpolster der Aerolenker wie Referenten am Rednerpult. Und dann war da der Gegenwind. Ich konnte mich bis zum Schluss nicht entscheiden, ob er mich nun killt, da er meine gequälten Beine noch mehr forderte, oder ob ich ihn liebte, weil er mich ein Minimum vom gefühlten Verbrennen weg brachte… Mir wurde einige Male schwindlig und übergeben musste ich mich auch bereits. Da ich aber ständig auf den Toi-Tois Wasserlassen musste, war ich sicher, dass es nicht an Dehydrierung lag und ich nicht ein ernsthaftes Risiko einging.

Nach ewigen 185 Kilometer Radfahren war sie dann da: T2! Ich war unglaublich froh, dass ich im Wechselbeutel mein YB-Shirt und ein Paar Trailrunning-Shorts deponiert habe. Ärmelloser Tridress war eine ziemliche Schnapsidee bei diesen Bedingungen. Und ich bemerkte dann auch, dass an der Strecke einige Berner YB-Fans waren und die Frankfurter wohl aufgrund ihres neuen Trainers Adi Hütter (welcher ja unser YB-Meistertrainer von vergangener Saison war) bestens Bescheid wussten über die Young Boys aus Bern. Die vielen „Hopp YB“-Rufe halfen mir Raum und Zeit zu vergessen.

Ich war bereits seit mehreren Stunden vom Racemodus komplett in den Survivalmodus gewechselt. Meine Erfahrung im Ultratrailrunning halfen mir, mich aufs Wichtige zu konzentrieren: Trinken, Essen, Kühlen, vorwärts gehen. Immer wieder lagen Läufer neben der Strecke im Schatten, lagen in den Samariter-Zelten, stützen sich stehend auf den eigenen Knien ab, kopfschüttelnd. An einem Toi-Toi baumelte eine verlassene Startnummer im heissen Wind. Die vorwärts taumelnde Athletenmasse hatte nicht mehr viel mit Laufsport zu tun. Die Solidarität untereinander war dafür umso grösser. Ständig versuchten sich Athleten gegenseitig zu motivieren, die Frankfurter Zuschauer waren unglaublich und leisteten wohl zu manchem knappen Finish den entscheidenden Beitrag. Es wurden Schilder hochgehalten mit Texten wie „Make Ironman fast again“ und es dröhnten Lieder wie „Ich möcht‘ so gern ein Eisbär sein, draussen am Polar…“ durch die flimmernde Junihitze. Meine Uhr zeige mir 38 Grad an, zum Schluss sollten es sogar 39 Grad sein. Ich befand mich auf absolutem Neuland, mein Körper war noch nie solchen äusseren Bedingungen ausgesetzt. Weder im Wettkampf, noch im Training. Ein schmaler Grat zwischen Umkippen und die nächsten paar Schritte tun. Ich glaube die Bergsteiger nennen das „Die Todeszone“.

Auch den Anzeigen der Busse wurde heiss..

Verloren in Raum und Zeit kamen die letzten fünf Kilometer. Ein deutscher Leidensgenosse unterbrach mein Gespräch mit einem torkelnden Italiener. Er meinte, dass er den Marathon gewöhnlich unter 3 Stunden läuft und dass wird doch eine 6:30 Pace noch hinkriegen würden. Ich versuchte es und – plötzlich konnte ich die letzten Reserven anzapfen. Da ich vor zwei Jahre die letzten Verpflegungsposten ausliess und im Ziel bitter dafür büsste, nahm ich jeweils einen Gel bei den letzten Posten, fand aber ansonsten annähernd zu einer 5:00-Pace zurück. Die letzten hundert Meter auf dem roten Teppich ins Ziel waren überwältigend. Es mit viel taktischer Disziplin und positivem Denken geschafft zu haben, war sehr befriedigend. Dass ich fast drei Stunden länger für die Strecke benötigte als bei meinem Debut vor zwei Jahren, war mir ziemlich egal. Das Überqueren der Ziellinie bracht die lang ersehnte Erlösung. Nach einem kurzen Snack gönnte ich mir eine kühle Dusche… Und realisierte erst jetzt wie stark mein Körper an seinen Grenzen gestossen ist: Mit dem Gefühl der kompletten Überhitzung machte ich den Schritt unter die Dusche, um fünf Sekunden später in heftigstem Schüttelfrost und empfundenem Erfrieren darunter zu stehen. Unvorstellbar was geschehen wäre, wenn ich in diesem Zustand einen Sprung in einen kalten See gemacht hätte… Ich werde in meinem ganzen Leben nie mehr in ein Gewässer springen, ohne mich vorher zu benetzen.

Ich wurde Zeuge von mehreren Athleten, die in der Finish-Zone weg kippten. Immer wieder sah man Samariter die Athleten auf Bahren hievten. In den Zelten lagen regungslose Athleten mit gesteckten Infusionen. Mich verliess das ungute Gefühl nicht, etwas ziemlich unvernünftiges getan zu haben. Wenn es selbst Profis wie Sarah True erwischt, die sich jahrein jahraus auf solche Anlässe vorbereiten, dann bin ich mir nicht mehr sicher, ob es einfach ein harter Sportevent ist oder schlicht unvernünftig. Von angemeldeten 3226 Athleten kamen 2064 ins Ziel. Das heisst mehr als ein Drittel verbuchte in DNS oder ein DNF. Weshalb der Veranstalter nicht wie am Ironman Nizza, der am selben Tag stattfand, die Rad- und Laufstrecke verkürzte ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich war der Druck der Medien und Öffentlichkeit, die das Aufeinandertreffen von Lange, Frodo und Kienle sehen wollten, zu gross. Fehlt nur mein eigener Mut das viele Geld, das ich in den Event investiert habe, in den Sand zu stecken und das Vernünftige zu tun. Nämlich auszusteigen, um der eigenen Gesundheit Rechnung zu tragen.

Finishline Party in einem Vorjahr. Quelle: Ironman.com

Montag Morgen guckte ich vor der Rückfahrt in die Schweiz im Hotel etwas TV. Auf ARD lief ein Beitrag, in dem vermeldet wurde, dass am Sonntag in Deutschland die höchsten JEMALS gemessenen Temperaturen verzeichnet wurden… Ich glaubte das sofort.

Frankfurt, mit deiner unglaublichen Stimmung am Streckenrand, der schönen Strecke und der perfekten Organisation bist du einmalig! Ich kommen wieder. Aber nicht bei 39 Grad…


Kategorie:   Berichte Headwind

Die Kommentarfunktion ist geschlossen..